Ehrenpreise 2013

SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg

SWR Sinfonieorchester Baden Baden und Freiburg. Foto: Klaus PolkowskiDurch den Sparbeschluss des SWR-Rundfunkrats akut von der Abwicklung bedroht, wurde dieses Ausnahme-Orchester erst vor kurzem in die Rote Liste des Deutschen Kulturrates aufgenommen und in die „Kategorie Eins“ des erhaltenswerten Erbes eingestuft. Gegründet 1946, hat dieses führende Rundfunkorchester unter seinen Chefdirigenten Hans Rosbaud, Ernest Bour, Michael Gielen, Sylvain Cambreling und aktuell François-Xavier Roth eine außerordentliche Neugier und kreative Offenheit speziell für zeitgenössisches Komponieren entwickelt und bewahrt. Diese Pionierarbeit am Puls der Gegenwart ist, in der Zusammenarbeit mit den Donaueschinger Musiktagen, zu einem Markenzeichen des Orchesters geworden. Eine Spezialisierung, die zugleich, flankiert und kontrapunktiert durch die intensive Auseinandersetzung mit dem gängigen klassisch-romantischen Konzertrepertoire, zur Ausbildung eines speziellen Klangbildes geführt hat, einzigartig und unverwechselbar in seiner Transparenz und Genauigkeit – wie in Dutzenden von mehrfach ausgezeichneten Tonaufzeichnungen dokumentiert. Das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg muss bleiben! (Für den Jahresausschuss der Jury: Eleonore Büning)

Der Ehrenpreis wurde am 28. April 2013 im Konzerthaus Freiburg verliehen. Videomitschnitt der Preisverleihung


Rolf W. Stoll

Rolf StollAls im Jahr 1962 die erste Langspielplatte des von Werner Goldschmidt gegründeten und auf seinen Namen verweisenden Labels „Wergo“ erschien, war abzusehen, dass sich diese mit vorzüglichen Begleittexten ausgestattete „studio reihe neuer musik“ zu einem exemplarischen Kompendium der Musik zwischen klassischer Moderne und Avantgarde entwickeln würde. Rolf W. Stoll, der das Label  2001 übernahm, knüpfte an den Pioniergeist der Gründerzeit an. In Zusammenarbeit mit den Neue-Musik-Redaktionen der Rundfunkanstalten, dem Karlsruher Zentrum für Kunst- und Medientechnologie und dem Deutschen Musikrat, dem Haus der Kulturen und dem Ethnologischen Museum in Berlin wurden die Produktionen des Labels aufgefächert in verschiedene Editionsreihen: Das Spektrum reicht von den vorbildlich digitalisierten Aufnahmen aus den sechziger Jahren über mehr als achtzig CD-Porträts aus der aktuellen deutschen Komponistenszene bis hin zu radiophoner Ars acustica. Neue Editionen wie die legendäre „Contemporary Sound Series“ von Earle Brown oder die des Ensembles musikFabrik kamen jüngst hinzu. Rolf W. Stoll hat „Wergo“ mit Elan und Pioniergeist profiliert. Er hat das Label zu einem Leuchtturm der Musik gemacht. (Für den Jahresausschuss der Jury: Ludolf Baucke)

 

 

Peter Kurzeck

Peter Kurzek. Copyright: Stroemfeld VerlagAls Geheimtipp – ein Schicksal, das Peter Kurzeck trotz mancher literarischer Ehrungen lange Zeit beschieden war – gilt der 1943 im böhmischen Tachau geborene, heute in Frankfurt lebende Schriftsteller wahrlich nicht mehr; im Gegenteil, spätestens seit "Übers Eis" von 1997, dem ersten Band des insgesamt auf zwölf Bände angelegten Romanzyklus "Das alte Jahrhundert“, schätzt man ihn als einen der besten Erzähler der deutschsprachigen Literatur und verweist hierbei gerne auf die Verwandtschaft zu den literarischen Qualitäten eines Marcel Proust oder James Joyce. Dabei dokumentiert sich die erzählerische Kraft dieses Autors, der sich ein Leben ohne Schreiben nicht vorstellen kann, nicht nur in seinen gedruckten Werken. Mehr noch als diese sind es seine Hörwerke, die seine Kunst brillieren lassen. Ob er "Vorabend", den 1000-seitigen fünften Band seines großen Zyklus, vor Publikum ins Mikrophon diktiert oder zuvor „Ein Sommer, der bleibt“ oder zuletzt "Unerwartet Marseille", sie alle sind ohne Textvorlage, also allein aus einem beschwörenden Gedächtnis frei gesprochene Meisterwerke, in denen Peter Kurzeck die stets oszillierenden Grenzen von Autobiographie und literarisierender Fiktion zu einem poetischen Kosmos bewahrender Erinnerungsarbeit verdichtet. "Die Zeit erzählen" nennt der Autor sein literarisches Ziel, und tatsächlich, es gelingt ihm; in der Gleichzeitigkeit unzähliger Alltagsdetails und historischer Ereignisse und mit einer Stimme, die wie im Erstaunen über die eigene Erinnerungsleistung musikalisch schwingt, hält er die Zeit für den Zuhörer bisweilen sogar an. Dabei entsteht die Literatur aus der Stimme selbst, und der Zuhörer wird Zeuge dieses Entstehungsprozesses. In derlei mündlichem Erzählen wird das Genre "Hörbuch" zum Ereignis. (Für den Jahresausschuss der Jury: Wolfgang Schiffer)

 

Irène Schweizer

Irène Schweizer live. Foto: Francesca PfefferIrène Schweizer wurde 1941 in Schaffhausen geboren – seit einem knappen halben Jahrhundert ist sie das Aushängeschild des schweizerischen Jazz. Künstlerische und persönliche Integrität, ihr freundliches Wesen, ihre kreative Unruhe, ihr Organisationstalent, ihre Vielseitigkeit und ihre Präsenz in den verschiedensten Verbindungen und natürlich, über allem, ihre Entwicklung als Pianistin machen sie zu einer der spannendsten Figuren des Jazz. Schon Mitte der sechziger Jahre löste sie sich vom Mainstream und wurde unter dem besonderen Einfluss von Cecil Taylor mit unbezähmbarer Neugier eine der wichtigsten Europäerinnen in der großen Aufbruchsstimmung der freien Jazzentwicklungen. Sie gründete die „European Women’s Improvising Group“, sie wirkte mit bei der Organisation mehrerer Schweizer Festivals. Der jüngste Triumph in ihrer Karriere liegt noch nicht lange zurück: 2011 bereitete ihr das Publikum Ovationen in der Zürcher Tonhalle, deren Flügel für ihren Solo-Auftritt erstmalig freigegeben wurde für den Jazz. Irène Schweizer spielte in diesem Konzert auch Fremdkompositionen, wie sie auch sonst scheinbar disparate Elemente mit höchstem Unterhaltungswert und künstlerischer Logik in- und aneinander zu fügen weiß. (Für den Jahresausschuss der Jury: Ulrich Olshausen)


Ehrenpreisträger 1968 bis 2013

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